DIE HINTERGRÜNDE DES ROMANS

 

 „Das Jadepferd" ist ein Roman, und in einem solchen hat natürlich die Fantasie das Sagen. Trotzdem tummeln sich in meinem Buch einige Persönlichkeiten, die tatsächlich durch die Wüsten Chinas marschiert sind, und auch die meisten Ereignisse, auf die ich Bezug nehme bzw. mit denen ich meine eigene Geschichte verwebe, sind historisch belegt. Das Interessante ist ja, wahre Begebenheiten und Orte mit der frei erfundenen Geschichte zu verquicken. Marions Abenteuer und den Weg des Jadepferds habe ich mir ausgedacht – aber es könnte sich so abgespielt haben.


   Falls Sie erst das Buch lesen oder gar nicht wissen wollen, was wahr und was Fiktion ist, dann klicken Sie jetzt schnell weiter. Für alle anderen gibt es interessante Hintergrundinformationen.

Sima Qian und Han Wu Di


   Sima Qian, der etwa von 145 v Chr. bis 90 v. Chr. lebte, kann guten Gewissens als Begründer der chinesischen Geschichtsschreibung bezeichnet werden. Von seinem Vater hatte er das Amt des Großen Astrologen geerbt, doch Sima Qians Pläne waren weitaus ehrgeiziger: Er wollte nichts weniger, als die gesamte chinesische Geschichte von Anbeginn aufzuzeichnen. Es ist ihm gelungen, und am Ende seines Lebens legte er ein gewaltiges Werk vor – das Shi ji, welches noch heute eine der wichtigsten Quellen über die Östliche Han-Dynastie und die vorhergehenden Dynastien ist. Dabei wurde der Wahrheitsgehalt seiner Abhandlungen über die Shang- und Zhou-Dynastien lange angezweifelt, reichen sie doch bis etwa in das 16. Jahrhundert vor Christi zurück. Doch im späten 19. Jahrhundert gerieten einige der seit Jahrhunderten in der Provinz Henan von Bauern gefundenen „Drachenknochen" in die Hände aufmerksamer Wissenschaftler. Sie stellten schnell fest, dass die seltsamen Zeichen auf den (Ochsen-) Knochenstäbchen altertümliche Schriftzeichen waren und die Knochen in der Shang-Dynastie zur Zukunftsvorhersage genutzt wurden, zum Beispiel zur Festlegung des Tages für die Aussaat oder ähnliches. 1936 wurden von einer Gruppe Archäologen 17.000 „Drachenknochen" ausgegraben, die Aufschluss über Herrscher und Ereignisse der Shang- und Zhou-Dynastien gaben – und diese Informationen waren deckungsgleich mit denen Sima Qians.


   Ungeachtet seiner Gelehrsamkeit nahm es mit Sima Qian kein gutes Ende: Als er im Jahr 99 v. Chr. einen bei dem launischen und jähzornigen Kaiser Wu Di in Ungnade gefallenen General verteidigte, verurteilte ihn der Kaiser prompt zur Kastration. Da Sima Qian nicht genügend Geld hatte, um sich freizukaufen, wurde das Urteil ein Jahr später vollstreckt. Es wäre für ihn ehrenvoller gewesen, Selbstmord zu begehen, aber Sima Qian zog es vor, mit der Schande zu leben, denn sein großes Werk, das Shi ji, stand noch Jahre vor seiner Vollendung.

Die Himmlischen Pferde und General Li Guanglis Feldzug


   Die von Kaiser Wu Di angeordneten Feldzüge ins Königreich Dayuan sind historisch belegt, und auch Persönlichkeiten wie Li Guangli und der König von Dayuan (der von seinem eigenen Volk geköpft wurde) existierten. Die Weissagungen über die Himmlischen Pferde werden in Sima Qians Shi ji erwähnt, auch von den Heuschreckenplagen berichtet er. Vergeblich wird man aber nach einem Berater namens Zhao Shan suchen. Er entspringt ganz meiner Fantasie, desgleichen die geheimnisvolle Botschaft, die der Kaiser an seinen General sandte.


   Das Blut, das die Himmlischen Pferde ausschwitzten, rührte höchstwahrscheinlich von im Fell sitzenden Parasiten her, und ob sie fliegen konnten – nun, wenn die Legende es so will …

China, die Römer und die Seide


   Sie kannten sich nicht, hatten allenfalls unklare Vorstellungen voneinander: China und Rom zur Zeitenwende. Das hinderte die beiden Mächte nicht, über diverse Zwischenhändler Handelbeziehungen zu unterhalten. Wie auch heutzutage waren die Chinesen dabei an einer positiven Handelsbilanz interessiert. Während Gold und Silber den Weg von Rom nach Osten antrat, gelangte ein ganz besonderer Stoff von China in die Hauptstadt des Imperiums-to-be: Seide. Und nach dieser Seide waren die Römer so verrückt, dass sie beinahe den Ruin ihres Staates bewirkt hätten. Leider waren die Chinesen an nichts außer Glas interessiert, und so leerten sich die Staatskassen Roms auf dramatische Weise. Selbst die Verordnung des Senats im Jahre 16, die es Männern verbot, seidene Gewänder zu tragen, und später eine Luxussteuer von 25% auf Waren aus den Häfen Asiens und des Roten Meeres bewirkten nichts.


   Interessant ist auch, dass die nach chinesischem Geschmack gewebte Seide den Römern überhaupt nicht zusagte und sie die Brokate wieder auftrennen ließen, um neue Stoffe zu weben.

Tian Ma – Die Original-Skulptur und das Jadepferd


   1969 entdeckten Bauern in der Stadt Wuwei in der Provinz Gansu eine große Grabanlage aus der späten Westlichen Han-Dynastie. Eine Inschrift auf einer der Grabbeigaben besagt, dass es sich um das Grab des General Zhang von Zhang Ye handelt und das es zwischen 186 bis 219 n. Chr. errichtet wurde. Neben hunderten von Grabbeigaben wurde auch die künstlerisch ausgereifte Bronzestatue eines Pferdes gefunden – eben jenes „Tian Ma" oder „Galoppierendes Pferd auf der Schwalbe", welches heute im Gansu Provincial Museum der Provinzhauptstadt Lanzhou zu bewundern ist. Da die Chinesen ihre Kunstwerke nicht signierten, wird der Meister, der es geschaffen hat, auf ewig anonym bleiben. Ich habe mir die Freiheit genommen, ihm eine Geschichte zu geben, und so ist Meister Liu aus dem Kapitel „Das Himmlische Pferd" entstanden.


   Das Jadepferd wiederum hat es nie gegeben, aber die Praxis, eine Tierfigur zu zerbrechen, um so eine Möglichkeit zu haben, den Überbringer einer Nachricht zu identifizieren, ist aus der Zeit der Streitenden Reiche (ca. 475 v. Chr. bis zur Reichsgründung durch Qin Shi Huangdi im Jahr 221 v. Chr.) bekannt. Da dieses System einfach und relativ sicher war (wenn nicht gerade der Bote abgefangen wurde), bin ich davon ausgegangen, dass man auch in der Han-Zeit auf diese Methode nicht verzichtet hat. Vielleicht warten die Figuren ja nur darauf, von Bauern beim Pflügen oder von glücklichen Archäologen gefunden zu werden.

Xuan Zang und der König von Khotan


   Etwa in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts n. Chr. gelangte der Buddhismus mit indischen Händlern in die Oasen der Taklamakan-Wüste; von dort breitete er sich weiter nach Osten bis in das Herzland Chinas aus. Seit dieser Zeit gab es Wandermönche, die den beschwerlichen Weg entlang der Seidenstraße und über den Pamir unternahmen, um den Buddhismus in seinem Ursprungsland am südlichen Fuße des Himalayas studieren zu können.


   Einer von ihnen war der junge Mönch Xuan Zang (603 bis 664). Im Jahre 629 oder 630 begab er sich – gegen den Willen des damaligen Kaisers – auf den Weg nach Westen und erreichte Indien nach einer mehrjährigen, mühsamen Reise. Dort besuchte er buddhistische Universitäten, tauschte sich mit anderen Mönchen und Gelehrten aus und sammelte Kopien von heiligen Texten. Schwer beladen mit 657 Schriftrollen machte er sich nach zehn Jahren auf den Rückweg nach China. Er wanderte durch das Königreich Gandhara und erreichte schließlich Kashgar. Dort entschied er sich für die Route am südlichen Rand der Seidenstraße, die ihn nach Khotan führte. Der König von Khotan empfing den gelehrten Mönch äußerst höflich – obwohl ein Vasall der Westtürkischen Reichs, war der König Diplomat genug, sich mit den Chinesen gut zu stellen, deren Einfluss sich immer weiter nach Westen ausdehnte.


   Xuan Zang verließ Khotan 643 oder 644. Im Jahre 645, nach fünfzehnjähriger Abwesenheit, kehrte er nach Chang'an zurück, wo er auf Anordnung des Kaisers, der zu Beginn die Reise unterbinden wollte, in allen Ehren empfangen wurde. Die verbleibenden Jahre seines Lebens verbrachte der Mönch mit der Übersetzung der Schriftrollen aus dem Sanskrit ins Chinesische.

 

 

Xuan Zang

 

 

Graphit-Abreibung einer Stele aus der Großen Wildganspagode in Xi'an,
die den Mönch Xuan Zang zeigt (Detail)

Musiker und Artisten in der Tang-Zeit (618 bis 907 n. Chr.)


   In der Tang-Zeit erfreuten sich musikalische und tänzerische Vorführungen großer Beliebtheit. Die besseren Gruppen spielten am Hof und in den Residenzen der Adeligen, doch auch dem einfachen Volk blieben die Darbietungen nicht vorenthalten – wandernde Musiker- und Artistentruppen gaben ihre Vorstellungen in den Straßen der Städte. Dabei ließen sich sowohl die hohen Herrschaften als auch die Untertanen am liebsten von den lebendigen Weisen aus Zentralasien bezaubern. Die Orchester waren mit Musikinstrumenten zentralasiatischer und chinesischer Herkunft bestückt: Flöten, Klappern, Lauten. Viele Grabfiguren der Tang-Zeit stellen Artisten und Musiker dar; das schönste Beispiel ist vielleicht die Musikantentruppe auf dem Kamel, die in einem Grab in Zhongbucun (Shaanxi) gefunden wurde (und die Marion im Historischen Museum von Xi'an bewundert).

Marc Aurel Stein und die Geisterstädte der Taklamakan


   Geboren 1862 in Budapest, wurde Marc Aurel Stein als junger Mann englischer Staatsbürger und arbeitete an diversen Universitäten in Britisch-Indien – hauptsächlich, um seinem erklärten Ziel so nah wie möglich zu sein: dem Tarim-Becken. Sein ganzes Leben widmete der Orientalist und Archäologe der Erforschung der Seidenstraßenoasen, die kurz zuvor von Sven Hedin entdeckt worden waren und deren Existenz Steins Vermutung bestätigte, dass es eine vorislamische Besiedlung der Region gab. In vier großen Expeditionen besuchte er viele der versunkenen Städte, stellte Manuskripte und andere Artefakte sicher, entfernte aber auch Fresken von den Wänden alter Klöster und schaffte alles via Indien nach England. Verständlich, dass aus Sicht der Chinesen Stein, Hedin, von Le Coq, Prejewalski und andere Forscher und Abenteurer nichts anderes als dreiste Kunstdiebe sind.

Islam Akhun und die gefälschten Manuskripte


   In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts tauchte eine wahre Flut von antiken Manuskripten auf, die vor allen Dingen aus den Geisterstädten rund um Khotan geborgen worden waren. Der britische Konsul in Kashgar, George Macartney, kaufte die arg ramponierten Manuskripte auf und ließ sie zu dem Linguisten Professor Hoernle in Indien transportieren. Obwohl Professor Hoernle die meisten der Manuskripte nicht entziffern und bei den späteren nicht einmal die Schrift oder Sprache bestimmen konnte, erklärte er sie für echt. Er ahnte nicht, dass er einem Fälscher aufsaß: Islam Akhun. Aufgrund der großen Nachfrage seitens der Engländer hatte der umtriebige Khotanese im Laufe der Zeit eine regelrechte Manufaktur für Manuskripte aufgebaut und seine Helfer sogar ermutigt, eigene Schriften zu entwickeln. Aurel Stein setzte Akhuns Treiben 1900 ein Ende (im Anschluss an die Expedition nach Dandan Oilik/Li Xie); Professor Hoernles Ruf als brillanter Linguist nahm trotz der Affäre erstaunlicherweise kaum Schaden.

Der Shanghai Saloon


   Es gibt ihn wirklich: den Shanghai Saloon. Ein echter Charakter, oder? Wer mehr über ihn im Speziellen und chinesische Automobile im Allgemeinen erfahren möchte, wird auf folgender Website mit Sicherheit fündig: www.chinesecars.net

 

 

Shanghai Saloon

 

 

Die Chungking Mansions


   Auch die Chunking Mansions habe ich mir nicht ausgedacht. Sie stehen an der Nathan Road, schräg gegenüber des Peninsula, Hongkongs feinster Adresse. Jeder Traveller, der auf sich hält, steigt dort ab – und brüstet sich damit. Immerhin liegen die Chunking Mansions auf den vorderen Rängen im Wettbewerb um die schäbigsten (und klaustrophobischten) Zimmer Asiens. Unbedingt ausprobieren, wenn man das Innere einer Bienenwabe erleben möchte.

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