KASHGAR, OKTOBER 2004

 

   „Gan bei!“
   Der junge Chinese hielt sich schwankend an der Tischkante fest und brachte einen Toast auf seinen Freund aus. Der Gefeierte starrte mit glasigen Augen auf das Chaos aus Bierflaschen, Schüsseln, Hühnerknochen und zerknüllten Papierservietten, das sich vor ihm auftürmte.
   „Gan bei“, nuschelte er, dann sackte sein Kopf auf den Teller.
Die anderen Gäste johlten und applaudierten. Eine junge Frau mit gezupften Augenbrauen und zu viel Schminke im Gesicht schenkte eine neue Runde Schnaps ein.
   „Gan bei!“, kommandierte sie, und alle leerten ihre Gläser in einem Zug. Einer der Gäste stimmte einen Popsong an, der in Hongkong gerade beliebt war. Seine Freunde grölten enthusiastisch mit, während das Geburtstagskind leise schnarchend das Beste verpasste.
   Es war eine gelungene Party.


   Marion sah neidisch zum Nachbartisch hinüber. Sie hätte viel darum gegeben, den Abend in Gesellschaft zu verbringen, aber sie brachte nicht den Mut auf, sich zu den feiernden Chinesen zu setzen. Trübsinnig sah sie auf den Berg Nudeln, der mit einer fettigen Soße aus Hammelfleisch und Paprika übergossenen war. Er stand unangetastet vor ihr und wurde langsam kalt. Der Appetit war ihr vergangen. Es war paradox: Sie saß in einem vollbesetzten Restaurant im bevölkerungsreichsten Land der Welt und fühlte sich so einsam wie nie zuvor.
   Dabei war sie noch keine drei Wochen ohne Thomas unterwegs. Das Alleinreisen verschaffte ihr viele Freiheiten, aber es hatte auch seinen Preis. Die Vorstellung, in ihr trostloses Hotelzimmer zurückzukehren, war Marion unerträglich. Sie hatte sich bereits dabei ertappt, dass sie sich mit ihrem Spiegelbild unterhielt. Es wird Zeit, andere Leute kennenzulernen, dachte sie, sonst werde ich noch verrückt. Sie machte der Kellnerin ein Zeichen und bat um die Rechnung.
   Als sich das junge Mädchen an den betrunkenen Chinesen vorbeidrängte, kippte ihm einer der Männer aus Versehen ein halbvolles Bierglas über die Hose. Mit zerknirschter Miene ließ er die Beschwerde der Kellnerin über sich ergehen und versuchte sie dann auf einen freien Stuhl an seinem Tisch zu zerren. Sie befreite sich lachend und arbeitete sich weiter zu Marion durch. Ihre Augen weiteten sich erstaunt, als sie bemerkte, dass die Europäerin ihr Essen nicht angerührt hatte. Sie sah Marion fragend an.
    „Hao. Gut“, sagte Marion, um das Mädchen zu beruhigen. Dann deutete sie auf ihren Magen. „Aber mir ist schlecht.“
   Die Kellnerin räumte kichernd den Tisch ab. Ausländer mussten nach Auffassung von chinesischen Kellnerinnen die komischten Menschen der Welt sein, denn sie kicherten immer, wenn sie mit ihnen zu tun hatten. Marion hatte bisher noch nicht herausgefunden, warum. Sie stand auf. Ihr war nicht komisch zumute.
   Vor der Tür zog sie fröstelnd den Reißverschluss ihrer Jacke bis unters Kinn zu. Obwohl es Mitte Oktober tagsüber noch warm war, erhob der Winter bereits Anspruch auf die Nächte. Es war erst halb zehn, und Marion beschloss, einen Spaziergang zu machen, um die Zeit totzuschlagen.


   Anderthalb Stunden später balancierte sie am Rand einer tiefen Baugrube entlang, in der riesige Röhren zur Montage bereitlagen. Die maroden muslimischen Stadtviertel von Kashgar wurden an die Kanalisation angeschlossen, und dafür war die Gasse, durch die sich Marion gerade kämpfte, in voller Breite aufgerissen worden. Zu beiden Seiten der von hohen Mauern begrenzten Straße standen den Fußgängern nur schmale Pfade zur Verfügung. Ein Ofenrohr, das über die Baugrube hinausragte, versperrte Marion den Weg. Es gehörte zu einem großen Grill, der unter einem windschiefen Holzdach aufgebaut war. Marion war in eine Sackgasse geraten.
   Sie fluchte. Es hatte eine Ewigkeit gedauert, bis sie endlich aus dem düsteren Gassengewirr der Altstadt hinausgefunden hatte, und sie war beinahe am Ziel. Zwanzig Meter hinter dem Stand versperrte zwar ein Bagger die Sicht, aber sie konnte bereits den Lärm von Autos hören. Eine der Hauptstraßen der Stadt war ganz in der Nähe, und wenn sie diese erreichte, würde der Rückweg zum Hotel ein Kinderspiel sein. Kehrte sie um, würde sie sich nur wieder verirren. In der letzten halben Stunde hatte sie außer zwei Männern, die in einem schlecht beleuchteten Innenhof vor einem mit türkisfarbenen Mosaiksteinen besetzten Brunnen standen, niemanden gesehen. Ob sie zurückgehen und die Männer nach dem Weg fragen sollte? Marion bezweifelte, dass sie das Haus wiederfand.
   Sie nahm die provisorisch anmutende Holzkonstruktion vor ihr genauer in Augenschein. Wenn sie sich am Stützpfeiler des Daches festhielt, konnte sie sich um den Grill herumschwingen und auf der anderen Seite wieder auf dem Pfad landen. Kurz entschlossen trat sie näher auf die Bude zu. Der Rand der Grube war so bröckelig, dass sie beinahe abgerutscht wäre. Sie griff nach dem Stützbalken und machte einen Schritt vorwärts.
   Die Bretterbude brach mit einem jammervollen Knirschen zusammen, und Marion wurde durch ihren eigenen Schwung über die Kante der Baugrube geschleudert. Eine Sekunde später folgte ein großer Teil der Bude. Ich bin doch zu dick, dachte sie noch, bevor ein Brett sie am Kopf traf.


   Kurz darauf kam sie mit fürchterlichen Kopfschmerzen wieder zu sich. Ein Teil des Daches lag auf ihr, aber die Holzbude war glücklicherweise nicht massiv gewesen. Als Marion sich zur Seite drehte, um unter den Trümmern hervorzukriechen, zog ein heftiger Schmerz durch ihren Rücken. Sie musste auf den Rand des Rohres geschlagen sein, dessen schwarze Öffnung vor ihr gähnte. Die Röhre hatte einen Durchmesser von etwa achtzig Zentimetern, groß genug, um notfalls darin zu übernachten. Marion wischte den Gedanken beiseite: Sie würde auf keinen Fall die Nacht hier unten verbringen.
   Direkt hinter ihr begann eine Zufahrtsrampe für Baufahrzeuge, an deren Ende der Bagger stand. Sie wollte gerade mühsam aufstehen und zu der Rampe gehen, als ein dunkler Gegenstand in der Kanalröhre ihre Aufmerksamkeit erregte. Marion schob sich den fehlenden halben Meter auf die Röhre zu und streckte die Hand aus. Ihre tastenden Finger stießen auf einen Schuh. Einen Männerschuh an einem Fuß. Es schlief tatsächlich jemand in der Röhre!
   Sie rüttelte an dem Fuß, um den Mann zu wecken, aber er rührte sich nicht. Bestimmt war er ein moslemischer Uighure, der sich betrunken hatte und nun nicht nach Hause traute. Marion dachte kurz nach. Wenn sie diesen auf Abwege geratenen Sohn Allahs über Nacht in der Kälte liegen ließ, würde er sich eine Lungenentzündung holen.
   Trotz der Kopfschmerzen spannte Marion ihre ganze Kraft an und zog den Mann aus der Öffnung. Es war verhältnismäßig leicht, da die Röhre etwas abschüssig lag. Nachdem die Beine bereits im Freien waren, griff sie nach seinen Armen, um ihn besser fassen zu können. Als sie seine Haut berührte, fuhr sie entsetzt zurück. Der Mann war eiskalt. Voller Panik zerrte sie ihn ganz aus der Röhre. Sie fürchtete sich vor dem, was sie sehen würde.
   Er lag mit dem Gesicht nach unten, und Marion drehte ihn auf den Rücken. Der Mann war klein und untersetzt. Ein kurzer, dichter Bart bedeckte sein breites Kinn, und in den geöffneten Augen spiegelte sich der Mond. Sie legte ihr Ohr an seinen Mund, konnte aber keinen Atem wahrnehmen. Fahrig suchte sie seinen Puls. Es war sinnlos: Der Mann war tot.
   Marion begann hysterisch zu schreien.


* * *


   Kommissar Li Yandao sah auf seine Armbanduhr. Es war vier Uhr morgens, kein Wunder also, dass er müde war. Die deutsche Touristin saß auf einem der beiden Betten und weinte sich die Anspannung der letzten Stunden von der Seele. Ihr Zusammenbruch hatte lange auf sich warten lassen. Im Krankenhaus hatte sie einen wachen und beherrschten Eindruck gemacht und protestiert, als der Arzt ihr mitteilte, dass er sie zur Beobachtung dort behalten wollte. Li Yandao hatte mit dem Arzt gesprochen und die junge Frau dann in ihr Hotel gefahren, auch wenn das schäbige Hotelzimmer seiner Meinung nach keine Verbesserung zum Krankenhaus war.
   Die Deutsche hatte ihre Habseligkeiten ordentlich auf dem zweiten Bett aufgestapelt. Er staunte, wie viele Dinge sie in dem kleinen roten Rucksack verstauen konnte, der leer an der Wand lehnte. Die meisten ihrer Kleidungsstücke waren braun, grün oder blau, unauffällig und äußerst praktisch. Sie schleppte sogar einen Stapel Bücher mit sich herum.
   Immerhin war das Zimmer groß und verfügte über ein eigenes Bad. Der Spiegel war blind, der Heißwasserhahn klemmte, der Duschvorhang schimmelte, und Li Yandaos sechster Sinn sagte ihm, dass die Spülung nicht richtig funktionierte. Aber es war ein Bad.
   Die Deutsche hörte auf zu weinen. „Sie können die Toilette benutzen, wenn es nötig ist, ich habe die Spülung vorhin in Ordnung gebracht“, sagte sie auf Englisch. Sie hatte die Beine an den Körper gezogen und hielt sie mit den Armen umschlungen. Das Kinn auf ihre Knie gestützt, lächelte sie ihm zaghaft zu.
   „Sie reparieren Klospülungen?“, fragte er ungläubig.
    „Wer viel reist, entdeckt die merkwürdigsten Talente an sich.“
   „Mit diesen Fähigkeiten können Sie in China reich werden“, bemerkte er.
   Sie musste wieder Willen lachen. „Meine Freude in Deutschland werden mich um eine Klempnerkarriere in einer Wüstenstadt am Ende der Welt glühend beneiden.“
   „Kashgar liegt nicht am Ende der Welt“, widersprach Li Yandao. „Im Gegenteil. Wenn Sie auf eine Karte schauen, werden Sie feststellen, dass die Stadt der Mittelpunkt des asiatischen Kontinents ist. Es gab Zeiten, da war Kashgar eines der wichtigsten Handelszentren der Seidenstraße, ein Verbindungsglied zwischen China und Europa.“
   Sie hob abwehrend die Hände. „Ich wollte Sie nicht beleidigen. Aber Sie können sicherlich verstehen, dass ich mir meinen ersten Abend hier ein wenig anders vorgestellt habe. Ich stolpere nicht jeden Tag über eine Leiche.“
   Er hatte Verständnis. Selbst ein Polizeikommissar sah nicht jeden Tag einen Toten. Erst recht nicht das Opfer eines Mordes: Die erste oberflächliche Untersuchung des Mannes hatte zweifelsfrei ergeben, das er erstochen worden war.
   „Sie müssen erschöpft sein“, sagte er. „Ich lasse Sie jetzt allein und komme morgen wieder. Sollte Ihnen noch etwas einfallen, können Sie mich jederzeit auf meinem Mobiltelefon erreichen.“
   „Darf ich das Hotel verlassen?“
   „Selbstverständlich. Allerdings müssen Sie in Kashgar bleiben, solange ich Ihre Hilfe benötige, Fräulein Ma..., Ma... Würden Sie mir Ihren Namen noch einmal nennen? Er ist für mich schwierig zu merken.“
   „Marion.“
   Er erhob sich aus dem fadenscheinigen Sessel und ging zur Tür. Die Deutsche stand auf, um hinter ihm abzuschließen. Sie war fast so groß wie er. Li Yandao fand sie nicht dick, aber sie hatte eine ganz andere Figur als die Chinesinnen, viel runder. Er wusste, dass sie dreiunddreißig Jahre alt war, aber mit ihren großen blauen Augen, den auf der Nase tanzenden Sommersprossen und den wirr nach allen Seiten abstehenden hellbraunen Haaren wirkte sie jünger. Obwohl sie mitgenommen aussah und ein beeindruckend großes Pflaster auf ihrer linken Stirnseite prangte, faszinierte ihn diese Ma Li Huo. Sie war auf eine exotische Art hübsch.
   „Schlafen Sie gut, Ma Li Huo. Bis morgen.“
   „Schlafen Sie auch gut, Kommissar Li. Und – ich heiße Marion.“
   Aber er hatte die Tür schon hinter sich zugezogen.


   Marion ging ins Bad und begutachtete ihr Gesicht in einer der weniger angelaufenen Stellen des Spiegels: Augenringe, Pflaster, verheult, übernächtigt. Ein Anblick zum Fürchten. Sie streckte sich selbst die Zunge heraus.
   „Das hast du toll hinbekommen, Fräulein Ma. In einen Mordfall verwickelt zu sein ist mal was Neues. Immerhin macht der Kommissar nicht den Eindruck, als würde er mich verdächtigen. Aber wer weiß das schon genau.“ Sie drehte dem Spiegel den Rücken zu und verließ das Badezimmer. Dank der Tabletten, die ihr der Arzt im Krankenhaus gegeben hatte, waren die Schmerzen erträglich, und sie schlief bald ein.


   Li Yandao lenkte seinen Wagen vom Parkplatz des Hotels und unterdrückte ein Gähnen. Er brauchte dringend einen heißen Tee, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. An Schlaf war fürs Erste nicht zu denken.
   Auf dem Weg zum Polizeihauptquartier kam er an der Baustelle vorbei. Er fuhr langsamer. Die Schaulustigen hatten sich zerstreut; nur eine Hand voll Polizisten sicherte den Tatort, und bis auf einen Scheinwerfer waren alle Lichtquellen gelöscht worden. In dem verbliebenen Lichtkegel stand ein Kollege von der Spurensicherung und betrachtete aus nächster Nähe die Seitenwand des Baggers. Plötzlich winkte er und rief etwas über seine Schulter. Li Yandao versuchte noch vergeblich zu erkennen, was der Mann entdeckt hatte, als er seinen Büronachbarn Liu Zhenguo in den Lichtkegel treten sah. Seine Glatze reflektierte das Licht. Wie der Heiligenschein auf christlichen Bildern, dachte Yandao amüsiert.
   Er hielt nicht an. Liu Zhenguo würde ihm sicher bald folgen und alles berichten. Aber warum war Zhenguo eigentlich hier? Er hatte keine Bereitschaft, und Yandao selbst hatte ihn nicht angerufen. Li Yandao wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Straße zu. Irgendwer musste seinen Kollegen geweckt haben, und eigentlich war er froh darüber. Zhenguos Unterstützung würde helfen, die wichtigen ersten Stunden zu nutzen.
   Die Scheinwerfer seines Autos erfassten zwei Männer, die sich in einem Ladeneingang herumdrückten. Der kleinere der beiden Männer wurde von seinem Begleiter um mindestens einen Kopf überragt. Li Yandao überlegte flüchtig, ob der eine außergewöhnlich klein und dürr oder der andere außergewöhnlich groß und kräftig sei, dann war er vorbeigefahren, und die Männer versanken in der mondlosen Dunkelheit wie ein Spuk.

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